Durch das europäische Aufbauwerk konnte sich Luxemburg in einem Umfeld entwickeln, in dem sich der Begriff der Grenze als solcher sukzessive wandelte. Grenzen werden nicht mehr als trennendes Element (Barriere), sondern als verbindendes Element (Schnittstelle) gesehen[1]. Zwar ist die schrittweise Beseitigung der Mobilitätshindernisse noch nicht abgeschlossen, sie stellt aber für die Einwohner dieser Grenzregion einen Glücksfall dar. Diese konnten als einige der ersten von den konkreten Chancen der europäischen Integration berichten.

Seit der Entstehung der „Großregion“ als Raum der institutionalisierten Zusammenarbeit im Jahr 1995 hat sich das Großherzogtum eindeutig als das wirtschaftliche und demografische Epizentrum dieses „Europa im Kleinen“ positioniert. Innerhalb von knapp 25 Jahren wuchs die Bevölkerung sprunghaft um 50 % an. Das BIP[2] hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt (+120 %). 230.000 Arbeitsplätze wurden geschaffen (+108 %) und die Zahl der Grenzgänger stieg von 55.000 auf mehr als 200.000 an (+264 %). Diese ebenso spektakuläre wie einzigartige Entwicklung gibt Anlass zu Diskussionen über die Grenzen und Schwachstellen des luxemburgischen Entwicklungsmodells, das untrennbar mit dem grenzüberschreitenden regionalen Aspekt verbunden ist.

Die wachsende Abhängigkeit zwischen Luxemburg und den benachbarten Grenzregionen führte nämlich zur Entstehung einer grenzüberschreitenden Metropolregion, in der je nach Definition zwischen 1,3 und 2,4 Mio. Einwohner leben. Eine der Hauptbesonderheiten besteht darin, dass die grenzüberschreitende Integration nicht mit einer wirtschaftlichen und sozialen Konvergenz einhergeht. Die Region ist auch durch gemeinsame Vorteile und Risiken gekennzeichnet, die verdeutlichen, wie wichtig eine Stärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist.

Mit diesem Arbeitsdokument sollen Anregungen für die Debatte über die Politik der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und den benachbarten Regionen geliefert werden. Dazu soll eine Politik der gemeinsamen Entwicklung in der grenzüberschreitenden Metropolregion Luxemburgs definiert werden. Bei der Metropolregion handelt es sich um kleineres Gebiet als das der Großregion, das jedoch über die Landesgrenzen des Großherzogtums hinausreicht.

Angesichts der Vielzahl möglicher Sichtweisen in der öffentlichen Debatte, der bereichsübergreifenden Dimension, aber auch der Sensibilität dieses Themas werden in dieser Veröffentlichung zunächst die Gründe analysiert, weshalb eine Politik der gemeinsamen Entwicklung ins Leben gerufen werden sollte. Es handelt sich um einen Versuch, die Ziele, die mit dieser Politik erreicht werden sollten, zu definieren, potenzielle Akteure zu ermitteln und mögliche Inhalte festzulegen.

Findet der Ansatz einer gemeinsamen Entwicklung Anwendung, könnte dies zu einer Stärkung des Win-Win-Charakters der grenzüberschreitenden Integration führen, was gegenwärtig nicht immer automatisch der Fall ist. Es sind daher vier gemeinsame Ziele Luxemburgs und seiner Nachbarn denkbar:

– Förderung des Effekts der „kritischen Masse“ durch Bündelung und Vernetzung von Ressourcen (Personal, Haushaltsmittel, Projekte, etc.) zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität der grenzüberschreitenden Metropolregion Luxemburgs

– Schaffung einer sozio-ökonomischen Konvergenzdynamik zwischen den Regionen (oder zumindest Abschwächung der festgestellten Abweichungen) zur Begrenzung der Risiken, die mit der exzessiven Konzentration der Wirtschaftsaktivitäten assoziiert werden, insbesondere durch Schaffung zusätzlicher Entwicklungszentren in der Grenzregion

– Schaffung neuer Mechanismen, mit denen alle Akteure dazu animiert werden, verstärkt in die Grenzregionen zu investieren

– Beitrag zur Stärkung der Politik des territorialen Zusammenhalts der EU und zum regionalen Image durch Test grenzüberschreitender Pilotwerkzeuge

Es werden 18 Kooperationsprojekte vorgeschlagen. Diese lassen sich im Zuge der Definition einer Politik der gemeinsamen Entwicklung fünf Themenkomplexen zuordnen: fortgesetzte Beseitigung der Mobilitätshindernisse (i), Entwicklung hin zu einem Konzept der Coopetition im Bereich der Wirtschaftsförderung (ii), bessere Einbindung des Ausbildungsangebots vor dem Hintergrund des „Ringens um Nachwuchskräfte“ (iii), Zusammenarbeit auf lokaler Ebene zur Stärkung des Zusammenhalts und der Attraktivität der Metropolregion (iv) und, zu guter Letzt, Erprobung neuer Lösungen in den Bereichen Governance und Finanzierung (v).

Luxemburg würde durch die gemeinsame Entwicklung seine Handlungsfähigkeit bei Themen stärken, die seine Zukunft unmittelbar betreffen. Die Nachbarregionen würden stärker von der Streuwirkung der wirtschaftlichen Dynamik des Großherzogtums profitieren. Die gemeinsame Entwicklung bietet außerdem die Chance, alle Akteure noch stärker für eine gemeinsame Vision der Zukunft dieser grenzüberschreitenden Region im Herzen der europäischen Union zu begeistern.

 

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[1] Vgl. Gerber, P. und Carpentier, S. (2012): „Impacts de la mobilité résidentielle transfrontalière sur les espaces de la vie quotidienne d’individus actifs au Luxembourg“. In: Economie et Statistique, Nr. 457-458, S. 78-95.

[2] Reales BIP.

One thought on “Gemeinsame Entwicklung in der grenzüberschreitenden Metropolregion Luxemburgs – hin zu einem tragfähigeren Modell?

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