Versteht man Gesundheitsversorgung, so wie die Erziehung, als “Sachleistungen” entwickelter Demokratien an ihre Bürger, sozusagen als ausgleichendes Element einer zunehmenden Polarisierung zwischen armen und reichen Bürgern (OXFAM International, 2014), so ist das westliche Gesundheitssystem nicht mehr gesund.

Seine „Ökonomisierung“ hat nicht nur den Beruf des Arztes zu einem “Geschäftsmodell” auf einem “Medizinmarkt” gemacht, sondern führt zunehmend zu einem “unlogischen”, inhumanen und ungerechten Versorgungssystem, ohne seine primären ökonomischen Ziele der Kosten- und Qualitätskontrolle zu erreichen. Der jahrzehntelange Fokus auf das Krankenhaus als „pseudoindustriellen Betrieb“ und die Vernachlässigung der regionalen, ambulanten und chronischen Versorgung hat bereits jetzt in vielen Ländern eine sozial und regional zerrissene Versorgungssituation geschaffen, die politisch problematisch wird.

Der Autor dieses Blogs plädiert in einem kürzlich veröffentlichen Buch dafür, diese Krise als Chance für eine grundlegende Neuausrichtung zu verstehen, bei dem auch in der Gesundheitspolitik die Begriffe der Nachhaltigkeit, der Subsidiarität und der Suffizienz eingeführt werden (STEIN, 2014) . Er stellt ein globales Konzept vor, in dessen Zentrum die Metamorphose des Akut-Krankenhauses alter Schule in eine schlanke, modulare und regional vernetzte Struktur steht unter dem Leitmotiv “ambulant vor stationär” und “Synergie statt Konkurrenz” – mit der Perspektive, die Region und ihre Menschen wieder in den Mittelpunkt sowohl einer sozialen wie auch ökonomischen Aktivität zu stellen.

Luxemburg könnte hier mit seinem rein solidarisch finanzierten Gesundheitssystem, seinem bislang universellen Zugang zu qualifizierter Pflege und Medizin und seinen traditionellen Vorteilen der kurzen Wege und der pragmatischen und kulturübergreifenden Herangehensweise europaweit punkten – wenn es eine Reihe strategischer Fehler der letzten Jahre korrigiert und eine realistische Analyse seiner Stärken und Schwächen vornimmt.

So wie eine kleine Volkswirtschaft unterliegt auch ein kleines Gesundheitssystem spezifischen Gegebenheiten wie einem geringen Volumen seltener und komplexer Krankheitsbilder, sozusagen einem fehlenden „Skalierungseffekt“, der Abhängigkeit von ausländischem Know-how in Form des Imports oder „Re-Imports“ von Ärzten und Gesundheitsberufen und einer insgesamt höheren Volatilität des Systems.

Anders als die großen Flächenländer muss Luxemburg klare politische und organisatorische Prioritäten definieren:

  • Priorität für die regionale und wohnortnahe, oft ambulante Versorgung der gesamten Bevölkerung und Konzentration hochkomplexer Leistungen in ein Zentrum oder ins Ausland
  • oder die Schaffung attraktiver medizinischer Zentren mit überregionaler Bedeutung , die aber dann notwendigerweise die Basisversorgung und den Zugang zur Medizin reduziert.

Hier sind in den letzten „fetten“ Jahren aufgrund fehlender Strategiebildung manche Dinge falsch gelaufen, so hat man nicht das enorme Potential einer einheitlichen Krankenversicherung CNS in Punkto Kosten-und Qualitätstransparenz ausgeschöpft. Der Krankenhaussektor wurde personell, finanziell, organisatorisch und vor allem administrativ ausgebaut, ohne ein klares Gesamtkonzept der medizinischen Versorgung mitzuliefern, im Gegenteil, man lieferte sich noch inner-luxemburgische Konkurrenz und setzte falsche Anreize. Und ein Herzstück des luxemburgischen Modells, die europaweit vorbildliche Verzahnung ambulanter Medizin mit dem Krankenhaus, über die Regionen , den Belegarzt und die kurzen Wege wurde vernachlässigt, nicht intelligent weiterentwickelt und letztendlich marginalisiert. Dieses findet seinen Niederschlag in der aktuellen Krise der pädiatrischen und der regionalen geburtshilflichen Versorgung (FEIST, 5.12.2014).

In Wirklichkeit ist die globale und die luxemburgische Krise der Gesundheitsversorgung eine riesige Chance für das Land – warum?

  1. Intelligente regionale Gesundheitsversorgung ist sowohl ein neuer Wirtschaftsfaktor wie auch bei ca. 300 Regionen der EU ( NUTS level 2) ein denkbarer Faktor von Technologie- und Wissens-Transfer.
  2. Sinnvolle politische und administrative Reformen sind bei entsprechender Unterstützung der „Major Player“ eher zu realisieren , als in großen Flächenstaaten – wie die Fusion der Kranken- und Pflegeversicherung und der Sozial- und Gesundheitsdienste nach skandinavischem Vorbild, die konsequente Kosten- und Qualitätstransparenz auf dem Niveau der CNS und IGSS oder die Fusion der derzeit wuchernden Unterstützung-Strukturen und Logistik für Krankenhaus und Gesundheitseinrichtungen.
  3. Der konsequente Bottom-Up Ansatz der im Buch beschriebenen Gesundheitsversorgung (STEIN, 2014) – von zu Hause über die konsequente ambulante Behandlung bis zu einem modernen, modularen und schlanken Krankenhaus neuen Typs gäbe einen wichtigen Technologie- Forschungs- und Organisationsimpuls für die Region, für kleinere und mittlere Unternehmen, und könnte weit in die „Grande Région“ ausstrahlen.
  4. Entscheidend, und leider oft auch Hauptschwierigkeit von Synergien, ist die intelligente und konstruktive Vernetzung von Akteuren und Institutionen. Hier kann Luxemburg nur noch an sich selbst scheitern, denn die Vorarbeiten in Punkto IT Vernetzung (eSanté …) , Public-Private-Partnership und Integration der niedergelassenen Ärzte und Gesundheitsdienstleister sind vorhanden und bei traditionell kurzen Wegen zeitnah zu optimieren.
  5. Die Größe des Landes und die begrenzten Ressourcen erlauben nicht, „Alles anzubieten“ und zwingen im Bereich Spitzenmedizin und Forschung zu klaren Schwerpunkten und Zentren- bzw. Cluster-Bildung, warum nicht über die Landesgrenzen hinaus. Und auch hier könnte Luxemburg punkten, wenn es sich wichtige Schwerpunkte sucht, wie z.B. Versorgungsforschung oder Grundlagenforschung ausgewählter „Volkskrankheiten“.

Es ist nicht verwegen, anzustreben, dass Luxemburg einmal als europäische Modellregion „Gesundheit“ antritt. Es ist sogar im Grunde zum Erfolg und zu einer proaktiven Strategie Gesundheit verdammt, denn die Dinge ohne Strategie laufen zu lassen, würde zu einem doppelten Desaster führen: weiterhin überhöhte Kosten für ein System , das mit seinen großen Konkurrenten im Ausland nicht mithalten kann, und dennoch schrittweise Erosion der Basisversorgung.

Der Wirtschaftsbereich Gesundheit, der in Deutschland 11 % des BSP ausmacht, kann nicht nur die Region sozial und ökonomisch beleben, sondern auch im Nation branding dem Land ein ganz neues und unerwartet (positives ) Image verleihen – im Zeitalter von LuxLeaks ein nicht zu unterschätzender Aspekt.


Verweise:

FEIST, P. (5.12.2014). All an d’Stad? Lëtzebuerger Land.

OXFAM International. (20. 1 2014). Rigged rules mean economic growth increasingly “winner takes all” for rich elites all over world. Von www.oxfam.org: http://www.oxfam.org/en/pressroom/pressreleases/2014-01-20/rigged-rules-mean-economic-growth-increasingly-winner-takes-all abgerufen

STEIN, B. (2014). Das kranke System: Von der Krankheitswirtschaft zum Menschkümmern. Hamburg: Tredition ; ISBN: 978-3-8495-9794-8.

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